Musiktherapie


Audio-Beispiele


Diashow


Lisa, Musiktherapie mit einem 5 jährigen Mädchen mit einer schwerst-mehrfachen Behinderung

Lisa (7 Jahre alt) ist schwerst-mehrfach behindert. Sie kann nicht laufen, nur mit Hilfe sitzen, Sprachverständnis und Sprechvermögen entsprechen einem ca. einjährigen Kind. Die medizinische Prognose sieht kaum Entwicklungsmöglichkeiten, demgegenüber glaubt die Mutter aber durchaus, daß Lisa sich in gewissem Rahmen entwickeln und entfalten kann und sucht nach Hilfestellungen, um sie in diesem Prozeß zu begleiten.
In der Musiktherapie mit Lisa geht es darum, die Wahrnehmungsfähigkeit zu stärken und einen sinnbezogenen Kontakt herzustellen, der auch im non-verbalen Bereich Bezugnahme und Beziehung anbahnt und ausbaut.
Zunächst werden alle Lautäußerungen, die Lisa von sich gibt, klanglich aufgenommen und in einen musikalischen Kontext eingebunden. Lisa reagiert zunehmend auf die musikalischen Fortführungen ihrer Lautierungen und gelangt auf diese Weise in einen direkten Bezug zu ihrem Gegenüber.
Das Hörbeispiel gibt eine Sequenz wider, in der ein schmatzender Laut nach und nach zu einem tonal bezogenen Klang wird, der schließlich in einen musikalischen Dialog mündet: wechselseitiges, aufeinander bezogenes Singen läßt hörbar werden, daß hier eine Beziehung aufgenommen wird. Auf diese Weise gelingt es Lisa, sich selbst in Abgrenzung zu einem gegenübertretenden Anderen wahrzunehmen und sich in diesem Gegenüber und auf es bezogen zu äußern.

Audiobeispiel

Justin, Musiktherapie mit einem 9 jährigen Jungen mit ADHS

Justin ist 8 Jahre alt und wird mit der Diagnose ADHS vorgestellt. Die Mutter berichtet, daß er große Probleme in der Schule hat und den Klassenverband sprengen würde. Auch zu Hause ist er sehr unruhig, unbändig und unführbar. Selbst der Kronleuchter wurde zur Liane, nachdem er einen Tarzanfilm im Fernsehen gesehen hat.
In der Musiktherapie soll Justin emotionale Stabilität gewinnen und Ausdrucksmöglichkeiten für sich entdecken, die für andere annehmbar sind und helfen können, eine Beziehungsstruktur aufzubauen.
Justin kommt gerne in die Musiktherapie. Er profitiert sehr von der einzeltherapeutischen Situation, die ihm einen Rahmen bietet, der zum einen eng genug ist, um ihm eindeutige und sinnvolle Grenzen zu setzen, andererseits weit genug gespannt, um ihm die nötige Freiheit zu bieten, zu experimentieren und die unterschiedlichsten Ausdrucksformen zu erfahren. Auf diese Weise wird es für ihn nach und nach möglich, aus der Fülle in die Ordnung zu gelangen und aus der unmittelbaren Impulsivität in die gerichtete Fokussierung, die einen sinnvollen Bezug zu dem Gehörten und schließlich auch eine Beziehung zu dem musikalischen Gegenüber ermöglicht. Er reagiert sehr sensibel und schnell, äußerst schöpferisch und ideenreich in den Improvisationen und erprobt die Grenzbereiche des Spiels.
Das Hörbeispiel entstammt einer Therapiesituation, in der ich nach einer kurzen Unterbrechung den Therapieraum wieder betrete. Justin sitzt auf einer Kletterwand unter der Decke, auf den ersten Blick der therapeutischen Situation entzogen. Doch so ist es nicht: von dort oben beginnt er einen leisen und melodiösen Wechselgesang, der musikalisch ganz bezogen und stimmig zu der hinzutretenden Klavierbegleitung ist und zunächst Phantasiebilder entwirft. Daraus entwickelt sich ein Stimmungsbild, das immer mehr von Justins innerer Grundsituation offenbart und Einblick in seine Gefühlslage zuläßt. Dabei bleibt Justin über einen langen Zeitraum in dem dialogisch-musikalischen Gegenüber und trägt die begonnene Improvisation bewußt und selbst initiiert weiter.
Hierin zeigt sich Justins poetisch-zarte und sensible Seite, die von der im Vordergrund stehenden ADHS-Problematik vollständig überlagert wurde. Für Justin ist es befreiend und eröffnend, sich selbst in seinen anderen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu erleben und zu erfahren, wie er in dem Rahmen der musikalischen Bezugnahme in eine tragfähige, schützende und freigebende Beziehung gelangen kann.

Audiobeispiel

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David, Musiktherapie mit einem 14 jährigen Jungen im Durchgangssyndrom (HOPS)

David (Name ist geändert) ist 15 Jahre alt. Während eines epileptischen Anfalls unter der Dusche stürzt er so unglücklich auf den Kopf, daß er eine Hirnblutung bekommt und daran operiert werden muß.
Nach der OP leidet David an dem Hirnorganischen Psychosyndrom, demzufolge er in Raum und Zeit desorientiert ist. Sein Verhalten ist durch notorische Wiederholungen geprägt, zu den anderen Kindern und Jugendlichen auf der Kinderstation verhält er sich sehr distanzlos, was ihn recht bald in eine isolierte Situation bringt.

In der Jugendgruppe der Musiktherapie kann sich David gut einfügen. Durch die Musik gewinnt er eine Orientierung, die ihm in den alltäglichen Abläufen abhanden gekommen ist: er vermag es, sich im rhythmisch-zeitlich strukturierten Abläufen passend zu bewegen, er findet stimmige und ergänzende Harmonien und kann Melodien in ihrem fortlaufenden Bewegungsfluß erkennen und mitvollziehen. So gelingt es ihm zunehmend, in den Grundparametern der Musik (Rhythmus – Melodie – Harmonie) Ordnung und Sinn zu erkennen und so an einen Erfahrungszusammenhang anzuknüpfen, der für ihn verloren schien.

Das Tonbeispiel zeigt auf, wie aus anfänglich imitierendem Spiel allmählich eine eigenständige Melodieführung erwächst bis hin zur Zweistimmigkeit, in der es gelingt, das Eigene im Gegenüber zu einem ergänzenden Anderen durchzutragen.

Audiobeispiel

Frau Richter, Musiktherapie mit einer 45 jährigen Frau mit Neurodermitis

Frau Richter (Name geändert), 49 Jahre alt, kommt in die Naturheilkunde-Klinik aufgrund einer starken Neurodermitis.
Im Laufe des Aufenthaltes stellt sich heraus, daß die Erkrankung in einem direkten Zusammenhang mit einer extrem belastenden Lebenssituation steht.
Frau Richter kämpft mit starken Beziehungsproblemen, die sie nicht zu bewältigen vermag. Eine Entscheidung steht an, mit der sie sich überfordert fühlt, die aber dennoch nicht zu umgehen ist: mit ihrem Mann stehen lang geplante Auswanderungswünsche kurz vor der Verwirklichung - allerdings stellt eine außereheliche Beziehung mit einem deutlich jüngeren Mann alle Pläne in Frage.
Frau Richter nutzt den Klinikaufenthalt sowohl zur körperlichen Genesung als auch zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Lebenssituation. Die Musiktherapie hilft ihr dabei, die unterschiedlichen Gefühle wahrzunehmen, sich ihnen zu stellen und sich nach und nach Klarheit darüber zu verschaffen, welcher Weg für sie der angemessene ist.
Das Audiobeispiel gibt das Ende der letzten Improvisation ihres Klinikaufenthaltes wieder.
Frau Richter spielt Metallophon. Die erste Sequenz ist eher rhythmisch geprägt und impulsiv, wirkt sehr frei und spontan. Dann mündet diese Improvisation in einen Gesang, der von ihr liedhaft geführt wird und einer konsequenten musikalischen Gesetzmäßigkeit folgt – und dennoch ist er ganz frei und entspringt dem Augenblick. Ihre Stimme klingt zunehmend gefestigt und stark, die Melodieführung ist in sich ganz schlüssig. Der Übergang von Offenheit zu Form, von Fülle zu Gestaltung läßt den Weg erkennen, den sie im Laufe der Therapie gegangen ist.

Audiobeispiel

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Frau Kempski, Musiktherapie nach einem Schlaganfall

Frau Kempski (Name geändert, 73 Jahre alt) erleidet einen Schlaganfall mit der Folge einer Halbseitenlähmung. Nur einige Monate vorher hatte sie sich von ihrem ersten Schlaganfall mit viel Energie unter therapeutischer Begleitung so weit erholt, daß sie wie zuvor selbständig zu Hause leben konnte. Nun scheint sie aufgrund ihrer körperlichen Behinderung in ein Pflegeheim ziehen zu müssen. Darüber verfällt sie in eine Depression.

Um Sie emotional aufzufangen, wird ihr Musiktherapie verordnet. Zu Beginn lehnt sie jegliche Therapie ab, sie hat sich aufgegeben. Es gelingt mir sie zu überreden, wenigstens eine Sitzung auszuprobieren. Sie läßt sich darauf ein.

Unsere ersten Spielversuche sind sehr von ihrer Depression geprägt. Sie spielt sehr zögerlich und monoton. Langsam entdeckt sie jedoch, daß die Musik ihr keine äußere Gestalt abverlangt, sondern daß es ihr gelingen kann, ihre eigenen Stimmungen und Gefühle in der Musik zum Ausdruck zu bringen – auch ihre tiefe Trauer und Hoffnungslosigkeit. Das motiviert sie, immer weiter nach ihrem eigenen musikalischen Ausdruck zu suchen.

Auf diesem Weg weckt die Musik nach und nach ihre Lebensgeister. In den nächsten Sitzungen erforscht sie alle zur Verfügung stehenden Instrumente und findet immer mehr ins Leben zurück.

In der letzten Sitzung vor ihrem Umzug ins Pflegeheim stellen wir fest, daß sie eine musikalische Möglichkeit bisher noch nicht ausprobiert hat: ihre eigene Stimme.

Es folgt eine Gesangsimprovisation aus tonal-liedhaftem Nachsingen wechseln wir in freie Stimmerprobung, die Freude an der eigenen Vielfalt des Klingens und Tönens erkennen läßt.
Schließlich mündet das Singen in ein gemeinsames Lachen...

Audiobeispiel

Frau Rose, Musiktherapie während der Kurzzeitpflege in der Geriatrie

Frau Rose (95 Jahre alt, Name geändert) ist in der Kurzzeitpflege, da Ihre Familie Urlaub macht. Es ist schon Mittagszeit, Frau Rose und ich werden von der Reha-Klinik überrascht: man wolle ihr etwas Gutes tun, ob ich noch eben mit ihr musizieren könne...
Frau Rose sitzt in einem Rollstuhl, da sie nicht mehr so gut laufen kann. Sie kann sich nichts unter Musiktherapie vorstellen, erklärt sich aber bereit, mit in den Musiktherapieraum zu kommen. Zuerst erzählt sie aus ihrer Berliner Kinder- und Jugendzeit. Dann leitet sie über: „na, denn spielen Sie mal enen uff...“ und erinnert sich an ihre erste Liebe, einem Geiger, der immer eine Schubert-Arie spielte. Wir versuchen sie gemeinsam zu singen – dabei löst sie die Bremsen ihres Rollstuhls und „tanzt“ / fährt zur Musik durch den Raum.
Hier läßt sich sehr gut verstehen, wie und was Musik (be)wirkt:
Die Erinnerung an sehr intensiv empfundene Klänge und Melodien reicht viel weiter zurück als unser logisch-rational organisiertes Erinnerungsvermögen. So können (sogar im fortgeschrittenen Demenzstadium, das für Frau Rose, die noch bei voller geistiger Klarheit ist, nicht zutrifft) Lieder gesungen werden, die von früher Zeit an das Bewußtsein mit geprägt haben.
Bei Frau Rose führt die Erinnerung in eine besondere Stimmung, die im Wiederholen des Liedes wieder ganz präsent und erfahrbar wird. Es gelingt ihr, in der Musik wieder an eine Fülle anzuknüpfen, die im alltäglichen Lebensvollzug nicht mehr in dieser Weise gelebt werden kann. Über alle Zeiten und Einschränkungen hinweg kann die Patientin (können wir) ganz diejenige sein, die sie immer schon war.

Audiobeispiel

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Florian, Musiktherapie mit einem geistig behinderten Jungen.

Florian (der Name ist geändert) beginnt die Musiktherapie als 6 jähriger Junge. Er ist geistig behindert, sein Sprachverständnis ist eingeschränkt, sein Sprachvermögen bis auf wenige Worte unausgebildet. Florians Eltern berichten aber, dass er sehr auf Musik reagiere und Musik sehr wichtig für ihn sei.

Die Fotos, aufgenommen in einer Sitzung nach ca. 1,5 Jahren Therapie, repräsentieren den gesamten Therapieverlauf. Zu Beginn ist Florian sehr zurückhaltend, steht hinter dem Klavier, ist aber sehr aufmerksam und bei jeder Melodie oder jedem Spielstück, das er wiedererkennt, sehr aufgeregt und atmet tief und heftig. Er bleibt lange in der beobachtenden und zuhörenden Position, die aber durchaus eine innere Anteilnahme erkennen läßt. Im Verlauf der Sitzungen traut er sich immer mehr aus seiner Beobachterperspektive heraus und nimmt zuerst intensiven Blickkontakt auf. Dieser Kontakt mündet in eine körperliche Nähe, indem er zuerst seine Hände auf meine legt und ich sie mitführe. Später wird er derjenige, der meine Hände bewegt. Nach dieser Kontaktaufnahme kann er immer mehr „in die Welt gehen“ und beginnt auf Instrumenten (z. B. der Trommel) zu spielen. Nach diesen Ausflügen kommt er wieder zurück und legt sich in die Musik, in die spielenden Arme und kommt in eine tiefe Entspannung und Ruhe.

Kurt, Musiktherapie mit einem 15 jährigen Jungen mit Trisomie 21

Kurt (der Name ist geändert) geht auf eine Förderschule für geistig behinderte Kinder. Die Mutter berichtet, daß Kurts Gefühlsäußerungen oft überschießend und damit für die anderen teilweise beängstigend und belastend seien. Diese Problematik bringe ihn in eine Außenseiterposition.

In der Musiktherapie zeigt sich Kurt wortkarg. Er hat aber jeweils klare Vorstellungen und Wünsche in der Wahl der Instrumente. Die Bandbreite und Impulsivität seiner Emotionalität wird unmittelbar in seinem musikalischen Spiel hörbar: zum einen ist seine Spielweise sehr vielfältig – er kann sowohl kräftig, dynamisch und schnell spielen, als auch zart und langsam – , zum anderen bringt er seine jeweilige Stimmungslage ganzheitlich durch Bewegung, Spiel und Gesang zum Ausdruck. Im Verlauf der Therapie gelingt es ihm zunehmend musikalische Impulse und Anregungen aufzunehmen und sie sinnvoll weiterzuführen. So kann ein musikalischer Dialog entstehen, der in sich vielfältig und abwechslungsreich ist. In der Musik öffnet sich für Kurt ein Spielraum, in dem er seine Impulsivität in einen sinnvollen Bezug bringen kann, der es seinem Gegenüber ermöglicht, adäquat auf ihn zu reagieren.

Herr Müller, Musiktherapie mit einem Mann mit aphasischer Störung nach einem Schlaganfall

Herr Müller (der Name ist geändert) kommt mit seiner Lebensgefährtin zum Vorgespräch. Er begrüßt mich klangvoll mit der ersten Zeile des Liedes „Hoch auf dem gelben Wagen“. Seine Gefährtin beschreibt Herrn Müller als einen ehemals erfolgreichen Tennislehrer, der durch den Schlaganfall aus der Fülle seines Lebens geworfen sei. Er leide vor allem an der Einschränkung seines Sprachvermögens, die auch den Kontakt zu anderen erheblich begrenze. Die einzige Möglichkeit der Artikulation sei das Singen.

Herr Müller verfügt über ein reiches Liedrepertoire. Die Sitzungen teilen sich in zwei Einheiten. Zu Beginn singen wir eigens für ihn entwickelte Lieder. Sie bieten Artikulations- und Sprechübungen und beinhalten die Erweiterung des alltäglichen Wortschatzes. Im zweiten Teil der Sitzungen singen wir unterschiedlichste Lieder: angefangen von Volksliedern über jahreszeitlich geprägte Lieder bis hin zu Schlagern. Herr Müllers Erscheinungsbild verändert sich im Verlauf der Musiktherapie sehr. Er wird von seinem Umfeld wieder als lebendiger, lebenslustiger und am Leben teilnehmender Mensch erlebt.

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