Buchbesprechung von Prof. Dr. E. Dauenhauer 

8. November  2004

Vierle, Andrea: 
Die Wahrheit des Poetisch-Erhabenen. 
Studien zum dichterischen Denken. Von der Antike bis zur Postmoderne.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, 
448 Seiten, 49,80 Euro

Läßt schon der hohe Anspruch (›Die Wahrheit...‹ statt: Über die Wahrheit...) den Atem stocken, so ist der Untertitel eine wahre Leseversuchung. Wer traut sich in unseren Zeiten noch zu, ›dichterisches Denken von der Antike bis zur Postmoderne‹ auf den Wahrheitsbegriff zu bringen und das heißt hier, in die These von der ›ästhetisch-existentiellen Wahrheitsstruktur im Erhabenen‹ (Rückentext) zu packen? Andrea Vierle nimmt couragiert Anlauf und springt über weite Zeiten und hohe Textberge.

Drei Großkapitel bietet sie an: »A. Wahrung des Enthusiasmus als Quelle erhabenen Dichtens und Denkens gegenüber der Spezialisierung des Erhabenen in Rhetorik und Stilistik«. ›B. Wiederholung des Poetisch-Erhabenen als Dichterische Welterschließung‹. ›C. Metakritische Neubegründung der ästhetischen Kategorie des Erhabenen im Blick auf Wahrheit und Existenz‹. Wer beim Lesen mithilfe eines Namens- und Stichwortverzeichnisses querlaufen möchte, wird enttäuscht, denn zur Verfügung steht nur eine ausführliche Literaturangabe.

Die Antike wird mit Longin und Platon abgedeckt, deren wirkungspoetische Ästhetik bei Gottsched, Bodmer, Klopstock, Baumgarten, Hölderlin, Kant u.a. untersucht wird. Für die zentralen Dichtungsepochen der deutschen Romantik und Klassik stehen Tieck und Schiller. Leitfigur der Postmoderne ist für die Autorin Lyotard. Beim Lesedurchgang kommt man naturgemäß an ungezählten weiteren Denkstationen vorbei, so bei Novalis, Nietzsche und Heidegger. Das Erhabene erweist sich als offene unabschließbare Grundbewegung des Philosophierens und als postmodern geheime Tiefenstruktur des Dichtens. Beide Phänomene verweisen auf den »existentiellen Bezug des Menschen zur Wahrheit als ein Zwischenreich von denkend-dichtendem Sagen« (10). Das Erhabene zeigt sich als »zeitgemäße Anstößigkeit, die in der Frage nach dem inhärenten Wahrheitsbezug zudem existential-ontologische Bedeutung gewinnt. Die Wahrheit des Erhabenen eröffnet sich als eine eigene, philosophisch zu stellende Frage, mit der sich das Denken rückbesinnt, Verbindungen knüpft, Einordnungen löst und neu bestimmt, Fragwürdigkeiten ernst nimmt und zu einer eigenen Selbstbegegnung findet, mit der jedes Philosophieren immer wieder neu und anders anfängt« (10). Es gibt »Momente tiefsten Berührtseins und äußerster Erschütterung« (10), die deutlich machen, »daß es hier nicht nur um ein flüchtiges Gefühl... geht, sondern um ein Phänomen, das den ganzen Menschen in all seinen innenwohnenden Möglichkeiten umfaßt« (11). So ist es, und diese Grundeinsicht und existenzielle Erfahrung, die von der Ratio nicht ganz zu fassen ist, findet in allen ›stehenden Augenblicken‹ der Kunst und Naturempfindung, der mitreißenden Wissenschaft und in allem, was man als Existenzial zu nennen pflegt. 
So schon in der Einleitung auf dieses Großthema eingestimmt, begibt man sich auf eine lange Lesereise, die vorerst nur einzelne Kapitel durchstreift und mit der Einsicht unterbrochen wird, daß hier ein Buch vorliegt, mit dem man sich über Jahre beschäftigen wird. Zu überwältigend die Einblicke, als daß man sie in einem Zug verkraften könnte. Der Verlust des modernen Denkens und Wahrnehmens, herbeigeführt durch das rationalistische Gewißheitsaxiom, das Wahrheit auf Richtigkeit reduziert, geht auf Kosten des Mythisch-Erhabenen, in welchem letztlich alles (menschliche) Sein seinen Grund hat. Alle Beschreibungsversuche greifen zu kurz, weil erhabenes Erfahren nicht vollständig auf Vernunftbegriffe zu bringen ist. Das kann man schon bei Schelling tiefgründig nachlesen, den die Autorin leider nicht einmal in einer Fußnote erwähnt.

Wer die Grundgedanken in gedrängter, historisch abgelöster Fassung erfahren möchte, liest die Abschlußkapitel ›Die Berührung von Denken und Dichten im Erhabenen‹ sowie ›Die Wahrheit des Erhabenen‹. Diese beiden hochdichten Zusammenfassungen wünschte man sich als Pflichtlektüre für öffentliche Meinungsführer aller Sparten – eine Utopie, gewiß, aber eine erhabene Fiktion, an der das meiste zerschellt, was unseren Sinnen tagtäglich aufgenötigt wird.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer (ausgenommen die Originalzitate). Aus: www.walthari.com