Eine Reise in die Welten des Klangs

Ungewöhnliches Konzert in der Frintroper Gnadenkirche

                                                                                                                                                                (Borbecker Nachrichten, 23.9.04)

Von der Frintroper Gnadenkirche aus ließen sich am vergangenen Donnerstag gut 90 Zuhörer auf eine "Reise in die Welt des Klangs" mitnehmen. Dazu eingeladen hatte die evangelische Kirchengemeinde Dellwig-Frintrop-Gerschede und deren Kirchenmusiker Dr. Andrea Vierle und Matthias Michalek. Beide Musiker vertreten in musisch-philosophisches Konzept, nach dem sich die "Welten des Klangs" zu einem kosmisch-seelischen Raum vereinigen. Das Paar forscht über diese Fragen und Matthias Michalek als diplomierter Musiktherapeut entwickelt die Erkenntnisse aus der Forschung in praxisgerechte Therapieansätze für seine Patienten weiter.

Schon vor dem Hörerlebnis stand das Schauen. Der Altarraum war voller Instrumente, unterschiedlich in der Klangerzeugung, im Material, in der Größe, im Klangvolumen und von der Herkunft her. Bekanntes wie Flügel, Xylo- und Metallophone fand sich Seite an Seite mit Seltenem wie dem Rainstick: ein hohler Ast, der mit kleinen Plättchen gefüllt ist, die, einmal in Bewegung, das Rauschen von Regen erzeugen.

Mit dem feierlichen Eintritt der beiden Akteure breitet sich absolute gespannte Stille im Kirchenraum aus – der Dialog beginnt. Von Beginn an machen Vierle/Michalek deutlich, daß sich dieser Dialog auf mehreren Ebenen bewegt. Das ist der Dialog zwischen Singstimme und Instrumentalstimme, zwischen Mann und Frau, aber auch der Dialog zwischen dem Hörer und dem Gehörten sowie der Dialog des gesprochenen Wortes mit dem Klang. Das gesprochene Wort doziert, was der Klang erspüren läßt, auf jede These folgt der Klangeindruck. Da bekommen all die bekannten und unbekannten Instrumente ihren Einsatz.

"Was hören wir?" Das Hören ist ein unmittelbarer Zugang zur Umwelt. Gleichzeitig ist es individuell, jeder hört anders. Was nicht nur an der Beschaffenheit des Hörapparates liegt, sondern auch an der seelischen Empfängerstruktur des Hörers. Selbstbezügliches Hören nennen das die beiden Musikwissenschaftler, wenn wir beim Hören "in Beziehung zu unserer Seele treten". Sie spüren den möglichen Bewegungsrichtungen des Klanges nach: dem Melodischen, der Bewegung ins Innere, die dem Menschen Rückkehr und Einkehr erlaubt, und dem Rhythmischen, der Bewegungsrichtung ins Äußere, die dem Menschen das Hinaustragen, das Über-Grenzen-Gehen erlaubt. Das Hören ist eine Brücke zwischen Innen- und Außenwelt.

"Wie hören wir?" Neben dem unmittelbaren Hören aller umgebenden Geräuschen kann der Mensch auch ein "gesteigertes Hören" erfahren. Vierle/Michalek nennen das "Auf-Hören": Damit ist das aufmerksame, versammelte Hören gemeint, durch das sich auch Nuancen erfassen lassen. Es ist aber auch das Beenden von Hörgewohnheiten, wenn das Hören wegen der Vielzahl umgebender Geräusche überstrapaziert ist. Danach wird ein Aufhorchen wieder möglich. Der Mensch setzt sich dem nun Gehörten aus, was den Körper in Schwingung versetzt. Und weil Schwingung Klang ist, nimmt der schwingende Widerhall der Seele Klanggestalt an; womit "der Hörende auch wieder zum Tönenden" wird. "Ist solches bewußtes Hören erlernbar?" Die Musikpädagogen sagen: Ja. Man kann zwar eine Klangbegegnung nicht erzwingen, aber man kann sich auf die Begegnung vorbereiten, wenn man bereit ist, sich zu öffnen und sich in den Klang zu versenken. So wird die Klangbegegnung zu einer Begegnung des Menschen mit sich selbst, zu einer Begegnung, die ihn unter Umständen an die Abgründe seines Selbst führt.

Nach dem Einsatz all der Instrumente, der Trommelartigen, die wie ein stetiger Pulsschlag für den Fortbestand des Lebens stehen, der Melodie Gebenden, und solcher, die den einmal erweckten Klang lange schwingend halten und mit dem Ausklingen an das Ende mahnen, bleibt eines: die Angst des Hörenden vor der Stille. Ihr gilt es standzuhalten. Nur das Auf- und Abschwellen einer kleinen, sanft gestrichenen Klangschale bietet hier den Zuhörern einen Anhaltspunkt. Doch so entlassen Andrea Vierle und Matthias Michalek ihre Zuhörer nicht. Sie nehmen die Stille von den Klangschalen ab und überführen sie in den Klang der Orgel, die langsam aufbauend schließlich alle Register strahlen läßt.

Damit sind die Zuhörer von ihrer Reise heimgekehrt, erleben vertrauten Klang im vertrauten Raum. Beinahe. Wäre da nicht- ein Gong, der sich in die letzten Akkorde mischt …                 giso